Lebensgeschichte Teil 1

Jeder von uns hat seine Lebensgeschichte, die uns geprägt hat- die uns zu dem gemacht hat, was wir heute sind.

Ich versuche heute, so viel wie möglich aus meiner Vergangenheit zu erzählen. Verzeiht mir, wenn ich heute etwas wirr schreibe, sich genau zu erinnern ist für mich nicht leicht. Ich gehe in vielen Dingen auch nicht ins Detail.

(Namen habe ich alle geändert)

Meine Mutter hatte mich damals mit 19 Jahren bekommen, mein Vater Michael trennte sich von ihr vor meiner Geburt, angeblich weil er noch nicht bereit für ein Kind war. Er stellte sie angeblich vor die Wahl. „entweder ich oder das Kind“

Meine ersten Erinnerungen von meiner Kindheit.. meine Mutter Kirsten war mit einem Mann namens Andreas zusammen.

Andreas war für mich mein Papa, so habe ich ihn auch genannt, wie ein Vater hat er mich auch behandelt, er war sehr liebevoll zu mir, hat mit mir gespielt, mich gekitzelt, sich mit mir beschäftigt.

Als Kirsten von ihm schwanger wurde und meine Schwester Sarah auf die Welt gebracht hat, hat sich alles verändert. Ich war nicht mehr sichtbar, ich war plötzlich nur noch das Kind eines anderen Mannes…

Ich war kein Teil der Familie mehr.

Ich wurde oft von Sarahs Vater geschlagen und angeschrien.

Ich wurde tagsüber ausgesperrt und erst am Abend wieder rein gelassen. Wenn ich pinkeln musste, habe ich sturmgeklingelt, aber mir hat keiner die Tür aufgemacht. Es war oft so, dass ich mir draußen in die Hose gemacht habe.

Wenn meine Mutter mich am Abend reingeholt hat und meine Hose nass war, hat sie mir  Windeln umgemacht. Zur Strafe, weil ich „ein Baby bin“. So musste ich auch in den Kindergarten gehen. Auch nachts sollte ich sie tragen, denn ich habe aus Angst vor Sarahs Vater ins Bett gemacht.

Wenn ich tagsüber ausgesperrt war, habe ich bei Nachbarn klingeln müssen, weil ich Hunger und Durst hatte. Ich habe nach Essen und Trinken betteln müssen.

Ich weiß noch, wie ich draußen auf der Wiese saß, ich weiß nicht, ob es ein Ameisenhaufen war, oder ein Ameisenbau, unzählige von ihnen krabbelten an mir hoch, ich habe geschrien, es waren so viele. Eine Frau lief auf mich zu, half mir und befreite mich von den Insekten. Meine Haut brannte, ich klingelte Sturm bei meiner Mutter, aber niemand machte mir auf. Also verbrachte ich den ganzen Tag mit brennender Haut alleine draußen.

Ich weiß, dass es oft ärger mit den Nachbarn gab, weil ich ausgesperrt wurde, sogar das Jugendamt war schon mal da..

Ich kann mich daran erinnern, Sarah war drei Jahre alt, ich war 7, sie sprang auf dem Bett herum und fiel in ihre Spielzeugkiste.

Sie hat geschrien und geheult.

Andreas schrie mich an, weil ich Sarah nicht vom Hüpfen abhielt, nicht auf sie aufgepasst habe. Dann trat er vor Wut auf mich ein… in die Knie, in die Schienbeine.

Kurz darauf kam die Zeit, wo ich kaum noch bei meiner Mutter war. Da man weiteren ärger mit dem Jugendamt vermeiden wollte, schob sie mich ab.

Zuerst war ich bei der Mutter von meinem Vater.

Sie hat mich schon immer gern gemocht. Ich schlief viele Tage dort, ohne dass mich meine Mutter besucht hat.

Ich verbrachte nicht viel Zeit bei ihr, denn ich bekam Krupp (das ist eine Kinderkrankheit, man bekommt Hustenanfälle und die Luft bleibt weg). Meine Oma (Mutter vom Vater) hatte Angst, dass ich deswegen ersticken könnte und wollte mich über Nacht nicht mehr bei sich haben.

Deshalb schob mich Kirsten zu meiner anderen Oma, ihrer Mutter.

Eine Alkoholikerin, die ihre Lebenspartner regelmäßig im Suff schlug, jeden Abend und oft auch schon Tagsüber besoffen war.

Sie hockte sich immer wenn sie besoffen war hin, und schrieb seitenlange Briefe an irgendwelche Leute. Sie terrorisiert Menschen in ihrem Umfeld mit Briefen und Anrufen.

Als ich im Grundschulalter war, ging sie öfter arbeiten und ließ mich, wenn sie Nachtschicht hatte, vom frühen Abend bis über die Nacht allein. Sie lebt in einem Plattenbau in Garbsen,  eine nicht ungefährliche Gegend, wo immer 6 Familien in einem Blockabschnitt wohnen.

Die Familie, die unter meiner Oma lebte und einige von denen auch oft gesoffen hatten, sollte ab und zu mal hoch kommen und schauen ob ich noch da bin und alles in Ordnung ist.

Wenn ich abends im Bett lag und meine Oma keine Nachtschicht hatte, kam sie oft besoffen zu meinem Bett und weckte mich.

Sie drückte mir oft ihr Telefon in die Hand und befahl mir, zu telefonieren. Am Telefon waren irgendwelche Männer.

Ich musste Dinge von ihr ausrichten, die ich damals nicht verstand. Dinge die mir trotzdem unangenehm waren, ich kann und möchte da auch nicht weiter ins Detail gehen……

Sie startete manchmal Nachtaktionen, indem sie mich packte und mit mir ins Auto stieg. Sie fuhr weite Strecken, um zu einem Exmann zu fahren, den sie in der Dunkelheit beschattete.

Ich glaube sie hatte etwas gesehen, dass ihr nicht gefiel, denn sie stieg aus und schrie einen Mann an und verschwand später mit ihm in seiner Wohnung und ich musste draußen im Auto warten.

Als ich 8 Jahre alt war, erzählte sie mir im besoffenen Zustand, dass mein Vater mich nie gewollt hat. Dass er immer ein Kind von meiner Mutter wollte und als es dann so weit war, dass sie schwanger mit mir war, sie vor die Wahl stellte- mich abtreiben zu lassen oder er würde sie verlassen.

Dann wählte meine Oma eine Nummer, drückte mir das Telefon in die Hand befahl mir, meinen Vater jetzt am Telefon zu fragen, warum er mich töten wollte (wortwörtlich).

Ich tat es und ich habe mich wahnsinnig dafür geschämt…

Kirsten redete mir immer wieder das Selbe ein. Sie sagte mir oft, dass mein Vater neue Kinder hat und mich nicht sehen will. Er hat kein Interesse an mir und seine neue Frau will auch kein fremdes Kind in ihrer Nähe haben. Er wollte mich töten, als ich noch in ihrem Bauch war.

 

Sie sagte, dass ich nur dank ihr und der Unterstützung meiner Oma am Leben bin.

 

 

-Ende Teil1-

Lebensgeschichte Teil 2

Als Kirsten sich von Andreas trennte, holte sie mich wieder zu sich.

Ich weiß nicht, ob sie mich wollte, oder ob sie vor ihrem neuen Lebensgefährten Andre einfach nur den Schein bewahren wollte.

Von dem trennte sie sich aber auch nach kurzer Zeit wieder und kam mit Markus zusammen, zu dem wir dann in seine kleine Wohnung in (?) zogen.

Es war oft so, da ließ mich meine Mutter einfach alleine Zuhause, da war ich ca. 9 Jahre alt. Wenn sie mich alleine ließ, bekam ich Panik, dass sie nicht mehr zurückkommt, dass sie mich alleine zurücklässt. Ich hatte auch Wahnvorstellungen dass sie einen Autounfall hat und stirbt. Jedes Mal lief ich ins Treppenhaus, um zu schauen ob die Tür auf geht. Aber die Tür ging nicht auf. Es kam keiner und ich fing an, im Treppenhaus nach ihr zu schreien. Hinter mir klappte jedes Mal die Tür zu, so dass ich ausgesperrt war und ich schrie und heulte.

Die Nachbarn holten mich dann oft zu sich in die Wohnung, bis meine Mutter kam. Ich bekam dann jedes Mal einen Arschvoll von ihr.

Und obwohl sie wusste, dass ich Panik bekomme, ließ sie mich immer wieder alleine..

Wir sind dann kurze Zeit später mit Markus zusammen nach Langenhagen gezogen.

Kirsten wurde von Markus schwanger und dann kam Tobias auf die Welt.

Sarah hatte ihren Vater Andreas, der sie regelmäßig abholte, Tobias war zwar sehr klein, hatte jedoch auch seinen Vater.

Ich wollte auch meinen eigenen haben… 

Ich kann mich noch an eine Situation erinnern. Ich hatte Geburtstag und sollte die Kerzen auspusten. Aber ich wollte das erst machen, wenn ich meinen echten Papa sehen darf.

Meine Mutter sagte schroff, dass er nicht kommt, weil er mich nicht sehen will.

Ich war so traurig, dass ich die Kerzen nicht auspusten wollte und tat so, als hätte ich husten. Kirsten schimpfte, ich soll sie ausblasen, aber ich sagte, dass ich nicht kann, ich muss husten, daraufhin schickte mich meine Mutter an meinem Geburtstag ins Bett und dort musste ich auch drin bleiben.

Seit dem Zeitpunkt habe ich mich nie wieder getraut, nach meinem Vater zu fragen.

Als sich Kirsten nach eineinhalb oder zwei Jahren von Markus trennte, hatte sie uns kurze Zeit später einen Neuen vorgestellt, mit dem wir nach Schloß Ricklingen gezogen sind. Kaum war die Haushälfte renoviert, trennte sie sich von dem Mann (dessen Namen ich nicht mehr weiß und stellte uns bald darauf Thorsten vor, der auch kurz darauf bei uns einzog.

Die Schwester meines Vaters holte mich als ich klein war, einige Wochen regelmäßig am Wochenende ab. Doch irgendwann hieß es, dass sie nicht mehr kommt.

Ich fühlte mich immer so allein…. Im Stich gelassen.

Als mein Bruder Tobias 2 Jahre alt war, ist Kirsten oft von Hannover nach München gefahren und mit ihrem dort lebenden Bruder in Diskotheken gegangen um zu feiern. Mich hat sie mit Tobias allein in Hannover gelassen.

Da war ich 11 oder 12 Jahre alt. Sarah war bei ihrem Vater, wie fast jedes Wochenende. Ich war wie gesagt mit meinem Bruder alleine Zuhause und musste putzen, Wäsche waschen, mich um Tobias kümmern, kochen, einfach alles wozu ich schon in der Lage war.

Thorsten hatte meistens Nachtschicht, tagsüber hat er geschlafen.

Darüber war ich aber auch nicht traurig, weil Thorsten uns viel angeschrien hat. Ich war froh, wenn ich ihn nicht sehen musste.

Wenn Kirsten mal nicht unterwegs war, war die Situation nicht anders als wenn sie nicht da gewesen wäre. Ich musste trotz Schulpflicht und jungem Alter alles machen, was eigentlich die Aufgabe meiner Mutter gewesen wäre, nur damit sie sich in Ruhe vor ihren PC setzten und mit Männern chatten konnte, mit denen sie sich oft traf.

Kirsten brachte meinen Bruder ständig in mein Zimmer, damit ich mich um ihn kümmere.

Entweder musste ich mich mit ihm in meinem Zimmer im Keller beschäftigen, oder ich musste mit ihm nach der Schule den ganzen Tag auf dem Spielplatz verbringen. Jugendliche fingen an, mich zu hänseln, sie beschimpften mich und schrien mir den Spitznamen „Mudda“ hinterher, weil man mich immer nur mit einem Kleinkind zu Gesicht bekam.

Das machte mir das Leben im Dorf und in der Schule schwer...

 

-Ende Teil 2-

Lebensgeschichte Teil 3

So lief es bis zur Pubertät. Bis da hin hatte sie schon etliche Männer. Sie hing ewig am PC und chattete den ganzen Tag mit irgendwelchen Männern, fuhr zu denen und kam auch nicht selten bekifft zurück. Das war auch zu der zeit so, als Tobias noch 2 Jahre alt war.

Thorsten trennte sich von ihr an Weihnachten.

Ich kam nach der Schule nach Hause und seine Sachen waren verschwunden…

Deshalb verbrachten wir auch Heilig Abend bei Kirsten ihrer besten Freundin.

Was mich nicht gewundert hat war, dass auch ein anderer Mann dort war, mit dem sie Händchenhaltend und küssend auf dem Sofa saß. Ich wusste sofort, dass das jetzt der Neue ist, der bei uns einzieht. So war es dann auch.

Wir zogen mit Kirsten und David nach Hohenkammer.

David war für mich ein Glücksfall.

Er stand mehr zu mir, er verteidigte mich vor Kirsten und sagte ihr oft, dass sie so nicht mit mir umgehen kann.

Wenn Kirsten etwas unternehmen wollte, wollte David immer, dass wir alle gemeinsam fahren.

David finanzierte ihr eine Umschulung zur IT-Systemkauffrau. Dort in der „Schule“ lernte sie einen neuen kennen, mit dem sie auch regelmäßig den Kurs schwänzte (hat sie mir erzählt). Und das, obwohl sie von David schwanger war. Einen Tag nachdem meine Mutter die Beziehung zu David beendete, brachte sie Christian mit nach Hause.

Dieser ständige Männerwechsel machte mir zu schaffen, David war weg, der einzige Mensch, der auf meiner Seite stand, der einzige Mensch dem ich nicht egal war..

Ich fing an, mich selber zu bestrafen. Ich kam mit allem nicht mehr zurecht. Ich konnte mir nicht erklären, warum mich mein Vater nie wollte und warum es für mich keinen Halt gibt.

Ich wusste genau, warum meine Mama mich nie lieb hatte, womit ich ihren Hass verdiente.

Ich war selber Schuld. Allein mein Dasein ist Schuld daran, dass meine Mutter ihre erste große Liebe, meinen Vater, verloren hat.

Ich sah den Fehler immer nur bei mir und hasste mich für das was ich bin.

Ich bestrafte mich, indem ich meine Arme aufschnitt.

Zuerst war es nur der Hass den ich gegen mich richtete, kurz darauf merkte ich aber, dass mir das schneiden gut tat. Der innere Schmerz ließ nach, das Blut lief warm an mir herunter und ich kam zur Ruhe..

Kirsten beschimpfte mich deshalb auch als Psycho, sie würde mich in die Klapse stecken usw. Ich wurde oft von ihr erniedrigt, was sie vor außenstehenden Personen gut „verbergen“ konnte. In der Öffentlichkeit war sie ein anderer Mensch…

Ich hasste mich selber, ich hasste meinen Körper, mein Herz schmerzte, weil meine eigene Mutter, die einzige Person die ich hatte, so gut wie nichts für mich empfand, ich fühlte mich ungeliebt und allein.

Ich nahm alles dafür her, was ich griffbereit hatte, CDs zerbrochen, Messer, ich schnitt mich immer tiefer und fing auch an, mir Nadeln in die Adern zu stechen, bis sie sich komplett blau färbte, schnitt meine Oberschenkel auf, damit keiner was sieht und ich deswegen nicht mehr als Psycho beschimpft werde.

Ich habe auch nach Dingen im Haus gesucht, mit denen ich mich umbringen kann, Schlaftabletten, ich fand aber nichts, ich trank sogar Spülmittel, ich sprühte mir eine ganze Packung Nasenspray in die Nase, weil ich in der Packungsbeilage gelesen habe, dass eine Überdosierung zum Herzinfarkt führen kann. Es klingt für Außenstehende vielleicht lächerlich, aber ich habe nichts ausgelassen.

Die Pulsadern aufzuschneiden ist nicht so einfach wie man denkt, ich habe es versucht und habe es nicht richtig gemacht. Die Konsequenz davon war, dass ich beschimpft wurde. Wieder ein neuer Schnitt, wieder eine neue Narbe, die Fragen Außenstehender aufwerfen könnten….

 

-Ende Teil 3-

Lebensgeschichte Teil 4

Der einzige Halt in meinem Leben war mein kleinster Bruder Kevin, Davids Kind.

Er war für mich wie mein eigener Sohn.

Ich war bei seiner Geburt dabei.

Ich war die Erste die ihn im Arm hielt.

Ich war es, die trotz Schule, nachts aufstand, wenn er geweint hat.

Ich war es, die ihn gewickelt, gebadet, gefüttert, ihn angezogen und ihn den Schlaf gewogen hat.

Seine erstes Wort, dass an mich gerichtet war, war „Mama“….

In den Sommerferien, als Kevin ein Jahr alt war, habe ich Windpocken bekommen und Kirsten, Christian, Tobias und Sarah sind für eine Woche zum zelten an einen See gefahren. Ich habe eine Liste mit Aufgaben von Kirsten bekommen und sie entfernte überall die Fernsehkabel.

Ich hatte hohes Fieber und Kevin ließ sie bei mir.

Ich musste mich ganz allein um ihn kümmern und hatte kaum Kraft, während sie sich irgendwo sonnten und badeten. Ich hab ihn dann auch angesteckt.

Kevin war schon immer mein „Zuständigkeitsbereich“, das Babyphone stand nachts immer bei mir. Ich hatte keine Zeit zum Lernen gehabt. Oft musste ich von meiner Mutter aus schwänzen, um mich um Kevin zu kümmern. Zeit zum lernen oder um die Hausaufgaben zu machen, hatte ich meistens nur im Bus auf dem Weg zur Schule.

Tobias hatte ich zu der Zeit eher selten bei mir gehabt. Er war dann derjenige, der bei meiner Oma bleiben musste.

Meine Oma hat einen Lebensgefährten. Günther. Er war eher für sie ein Saufkumpane und Fußabtreter.

Was Tobias und ich alles mit ansehen mussten… unsere Oma hat Günther oft verprügelt, hauptsächlich geschubst. Die Treppen runter geschubst, durch Glasscheiben geschubst, ihn auf die Straße geschubst (er wurde sogar angefahren), geschubst, er fiel und knallte mit dem Kopf auf die Tischecke. Es war schlimm… er sah immer schlimm aus, aber Mitleid wollte ich nicht empfinden, weil er im Grunde für mich nichts als ein erbärmlicher Säufer war.

 

 

-Ende Teil 4-